97.3 - Opioide gegen nicht-malignombedingte Schmerzen
Opioide gegen nicht-malignom-bedingte SchmerzenJ.Desmeules, V.Piguet, A.-F. Allaz, P.Dayer
Wirksamkeit und Indikation der Langzeitbehandlung mit Opioiden bei chronischen, nicht-malignombedingten Schmerzen sind im Hinblick auf Nebenwirkungs- und Abhängigkeitsrisiken noch immer Gegenstand kontroverser Diskussionen. Bestimmten, sorgfältig ausgewählten Patienten kann aber nach dem Scheitern anderer Schmerztherapien mit einer Opiattherapie wirksam geholfen werden. Der Begriff «chronische, nicht malignom-bedingte Schmerzen» beschreibt ein heterogenes Erscheinungsbild, welches mehr als drei bis sechs Monate besteht. Die Schmerzen haben gravierende berufliche, soziale und psychische Auswirkungen, die dazu beitragen, die Schmerztoleranzschwelle weiter herabzusetzen und der Chronifizierung Vorschub zu leisten. Für eine adäquate Schmerztherapie ist es darum notwendig, zu Beginn sorgfältig die ursächlichen Faktoren zu identifizieren sowie deren Intensität und funktionelle wie psychische Auswirkungen zu beurteilen. Ziel des im Einvernehmen mit dem Patienten entwickelten Therapieplans ist die schrittweise Linderung der Symptome. Im Vordergrund steht stets die Steigerung der Lebensqualität durch erhöhte physische Leistungsfähigkeit und die Verbesserung psychosozialer Funktionen. In der Regel erfordert die Behandlung solcher Patienten die Kombination mehrerer Therapieansätze, unter denen die Medikamente eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. Die Wahl der analgetischen Medikation erfordert zunächst Klarheit über die pathophysiologischen Mechanismen der Schmerzentstehung. Nozizeptiver, neuropathischer Schmerz oder psychologische Amplifika- tion bedingen völlig unterschied- liche symptomatische Therapie- strategien. Während Morphinanalgetika gegen nozizeptive (mechanisch oder inflammatorisch bedingte) Schmerzen wirken, sind sie gegen neurogene Schmerzen (auch als neuropathische oder Deafferentierungsschmerzen bezeichnet, die z.B. auf einer Nervendurchtrennung oder Neuralgie nach Zosterinfektionen beruhen) nicht oder nur unsicher wirksam. Diese Schmerzen erfordern von Anfang an andere Strategien: Antidepressiva, Antiepileptika, Neuroleptika, transkutane Neurostimulation oder Hinterstrangstimulation [1]. Ebenso verhält es sich mit chro- nischen Schmerzsyndromen, wo Leiden sich somatisch als Schmerz präsentiert. Dieser Schmerz ist nur mit einem ganzheitlichen, bio-psychosozialen Ansatz erfassbar [2]. Oft verbirgt sich hinter chronischen Schmerzsyndromen schweres psychologisches Leiden, das somit in Analogie zum somatoformen Schmerz gemäss DSM-IV als eigenständige Krankheit gilt. Ein chronischer Schmerz darf nicht einfach als ursprünglich akuter, dann persistierender Schmerz definiert werden. Wie beim neuropathischen Schmerz sollte der medikamentöse Therapieansatz bei diesen chronischen Schmerzsyndromen nur in seltenen Ausnahmefällen auf Opioide zurückgreifen.
Gute prospektive und longitudinale Studien zur Opioid-Langzeittherapie bei Nicht-Krebspatienten fehlen. Es gibt nur wenige kontrollierte und meist retrospektive Studien zur Langzeittherapie mit Opioiden bei Nicht-Krebspatienten. Einige zeigen einen objektiven klinischen Nutzen bei Schmerzsyndromen unterschiedlicher Genese [3]. Andere Studien, vor allem von multidisziplinären Schmerzzentren, beleuchten einen anderen Aspekt. Sie berichten von einer schwachen Wirksamkeit der Opioide und betonen psychosoziale Störungen [4,5].
Frühere Berichte über Suchtprobleme bei Opioiden [6,7] konnten in der Folge weder durch Beobachtungen an Krebspatienten [8] noch an Verbrennungsopfern [9] mit Kollektiven von jeweils mehr als 10'000 Patienten bestätigt werden. Die pharmakologische Toleranz (früher auch als Gewöhnung bezeichnet) bezeichnet die Notwendigkeit einer allmählichen Dosis- erhöhung um weiterhin die gleichen Effekte zu erzielen. Sie kommt bei Opioiden wie verschiedenen anderen Pharmaka vor und kann von Entzugserscheinungen (physische Abhängigkeit) bei plötzlichem Absetzen der Substanz begleitet werden. Eine allmähliche Dosisreduktion nach langem Opioidgebrauch verhindert physische Entzugserscheinungen. Die Medikamentenabhängigkeit (oder psychische Abhängigkeit) beruht auf dem Verlangen nach der Droge aufgrund ihrer euphorisierenden Wirkung. Sie ist bei Krebskranken, die orale Morphine auch über einen längeren Zeitraum hinweg einnehmen, extrem selten. Dies gilt auch für Patienten mit nicht-malignombedingen Schmerzen. Opioidabhängigkeit kann durch die Verabreichungsart begünstigt werden, da der pharmakologische Effekt der Opioide nicht direkt von der Pharmakokinetik im Blut, sondern von Verteilung und Elimination im zentralen Nervensystem (ZNS) abhängt. Je schneller und stärker die Passage der Opioide in das ZNS ist, umso mehr steigt das Abhängigkeitsrisiko. Dies gilt gleichermassen, wenn eine falsche Indikation zum wiederholten Gebrauch bei chronischen Schmerzen führt [12]. Parenterale Galenik sowie deren pharmakokinetische und pharmakodynamische Eigenschaften (hohe Lipophilie, die eine rasche Passage ins ZNS ermöglicht) steigern das Suchtpotential der Opioide (Diacetylmorphin, Nicomorphin, Pethidin), ohne ihre analgetische Wirksamkeit zu steigern. Dies erklärt möglicherweise die relative Häufigkeit der Medikamentenabhängigkeit bei Pethidin und Pentazocin [12]. Darum ist besonders die parenterale Gabe dieser Medikamente bei Patienten mit chronischen, nicht-malignombedingten Schmerzleiden nicht empfehlenswert. Schliesslich vermag die wiederholte Gabe schwacher Opioid- dosen auf Verlangen die Entwicklung einer Abhängigkeit zu begünstigen, da das sich Verschaffenmüssen der Substanz «belohnt» wird. Eine Gabe zu festen Zeiten kommt dem Wiederauftreten der Schmerzen zuvor und verhindert damit verhaltenspsychologische und suchtfördernde Belohnungsmechanismen [15]. Der Applikationsmodus muss der Intensität, der Dringlichkeit und dem Kontext der Schmerzen angemessen sein. Die wichtigsten Opioidanalgetika sind sowohl oral als auch parenteral verfügbar. Der Vorteil des parenteralen Wegs ist die schnellere Schmerzlinderung bei akuten Schmerzen. Das damit verbundene Suchtrisiko und der invasive Charakter limitieren allerdings wiederholte Anwendungen. In der Regel wird man bei persistierenden Schmerzen darum auf die orale Form zurückgreifen. Die organische Toxizität bei Langzeitgebrauch von Opioiden ist gering, wie Beobachtungen von Süchtigen unter Methadon oder bei Krebskranken zeigen [16]. Ein immunsuppressives Potential, welches man aufgrund experimenteller Beobachtungen vermutete, wurde in klinischen Studien nicht bestätigt. Gleichwohl bestehen persistierende Nebenwirkungen wie die Obstipation, zuweilen auch Übelkeit oder Sedierung. Kognitive Auswirkungen sind kontrollierten Studien zufolge gering. Die Verminderung kognitiver Funktionen bei Patienten unter Benzodiazepinen ist demnach stärker als bei Patienten unter Opioiden [17]. Übliche Opioiddosen erhöhen auch nicht das Risiko im Strassenverkehr. Vorsicht empfiehlt sich zu Beginn der Behandlung oder bei Dosisänderungen bis zum Erreichen eines neuen Gleichgewichtes. Unter Berücksichtigung praktischer Erfahrungen kann man trotz des Fehlens klinischer Studiendaten gewisse Leitlinien für die Verordnung des Opioidgebrauchs bei nicht-malignombedingten Schmerzen formulieren [nach 12, 15, 18]). Bei der Therapie muss man die folgenden Parameter engmaschig überwachen: Schmerzintensität, Nebenwirkungen, Toleranzentwicklung, physische und psychische Störungen sowie das Auftreten suchtassoziierter Verhaltensweisen.
Die Verordnung von Opioiden bei intensiven chronischen, nicht-malignombedingten Schmerzen sollte in erster Linie nozizeptiven Schmerzen vorbehalten sein. Retardierte Präparate sowie die orale Applikation verringern das Risiko einer Medikamentenabhängigkeit. Der Einsatz muss sich nach den vorliegenden Empfehlungen richten und im Rahmen einer klaren Vereinbarung zwischen Therapeut und Patient erfolgen.
Regeln für die PraxisU. W. BuettnerDie Entscheidung, Opioide in der Schmerztherapie einzusetzen, muss einem nachvollziehbaren Algorithmus folgen, der folgenden Punkten Rechnung trägt. Nach den allgemeinen WHO-Regeln für die Therapie chronischer Schmerzen (analgetische Leiter) kommen Opiate für Patienten in Frage, die unter starken, invalidisierenden oder zumindest stark beeinträchtigenden chronischen Schmerzen leiden, wenn diese weder durch andere Therapien noch nach interdisziplinärer Beratung ausreichend gelindert werden konnten. Die Schmerzanalyse muss ein Ansprechen auf Opiate erwarten lassen und es dürfen keine Kontraindikationen bestehen. Darüber hinaus muss die Betreuung durch einen einzelnen Arzt mit Erfahrung in der Applikation von Opiaten ebenso wie die volle Aufklärung des Patienten über die Therapie und sein Einverständnis mit den Therapiezielen gewährleistet sein. Es ist wichtig, Opiate nach einem festen Zeitplan zu verabreichen, wobei orale und retardierte Präparate bzw. Präparate mit verzögertem Wirkungseintritt zu bevorzugen sind. Die adäquate Dosis muss unter Berücksichtigung des «ceiling Effektes» titriert werden, und die Behandlung von Nebenwirkungen wie Obstipation und Nausea muss frühzeitig einsetzen. Man sollte verschiedene Opiate nicht miteinander kombinieren. Dosierungen und Substanzen sind tabellarisch aufgeführt.
Impressum
Redaktionskommission: PD Dr. med. E. Alon (Zürich), Prof. Dr. med. U.W. Buettner (Aarau), Dr. med. N. de Stoutz (Sion),
PD Dr. med. M. Felder (Zürich), PD Dr. med. P. Keel (Basel), Prof. Dr. med. dent. S. Palla (Zürich), Dr. med. P. Rosatti (Genolier)
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