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01.4 Optimale Routenwahl der Schmerzmedikation
In der Praxis wird häufig zu wenig bedacht, welcher Verabreichungsweg
für ein Opioid tatsächlich der individuell optimale ist. Allerdings
sollten für den Wechsel des Applikationswegs immer gute Gründe
vorliegen, zumal orale Präparate meist kostengünstig und bequem sind.
Die Indikationen für einen Routenwechsel und die Alternativen sind Thema
des ausführlichen Übersichtsbeitrags. Der zweite Beitrag gibt
Entscheidungshilfen, Umrechnungsfaktoren und Tipps für den Wechsel von
einem Opioid zum anderen. Renate Bonifer
Noémi de Stoutz
In den allermeisten Situationen wird gar kein Gedanke daran verschwendet, ob ein
Medikament möglicherweise besser über einen anderen Weg als den oralen
appliziert werden sollte. Für die orale Einnahme und die enterale
Resorption müssen aber eine ganze Reihe physiologischer Anforderungen
erfüllt sein. Die Wahl alternativer Applikationswege muss von
pharmakologischen, organisatorischen und ökonomischen Überlegungen
geleitet werden. Anzustreben ist die optimale Analgesie bei
grösstmöglicher Selbständigkeit der Patienten. Für die
einzelnen Applikationswege werden im Folgenden einige praktische und
pharmakologische Hinweise gegeben.
Zu den Voraussetzungen für eine orale Einnahme gehören ausreichende
kognitive Funktionen, intakter Schluckakt, durchgängiger Darm mit
funktionierender Motilität, die richtigen Verdauungssäfte, intakte
Darmschleimhaut und genügende Leberfunktionen [1].
Bei Schwerkranken, beispielsweise in fortgeschrittenen Krebsstadien, sind
Störungen der Darm- und Leberfunktion häufig. Anatomische
Veränderungen, Innervationsstörungen und Entzündungen im
oropharyngealen Bereich und im Oesophagus können die orale
Medikamenteneinnahme verunmöglichen. Krebspatienten benötigen in etwa
70% der Fälle irgendwann im Verlauf ihrer Krankheit eine nicht-orale
Analgetikagabe [2,3].
Probleme kognitiver Art bestehen nicht nur bei Bewusstlosen, im Delirium, bei
Dementen und Kleinkindern. Gelegentlich können auch psychische Gründe
dafür bestehen, dass mindestens ein Teil der oralen Medikation über
andere Routen ersetzt werden muss (Panik in Notfallsituationen, Ablehnung bei
überforderung durch hohe Anzahl Pillen, Nutzung eines Plazeboeffektes).
Es gibt allerdings kaum Nebenwirkungen von Analgetika, die sich durch einen
Routenwechsel beheben lassen. Allenfalls kann eine resistente opiatbedingte
Obstipation durch den Wechsel auf die parenterale Opioidgabe gemildert werden,
weil die Morphinrezeptoren im Plexus myentericus dann weniger exponiert sind als
bei der oralen Therapie. Zentrale Rezeptoren werden hingegen bei jeder Form der
Opioidtherapie besetzt, sodass es bei jeder systemischen Opioidtherapie zu
zentralen Nebenwirkungen kommen kann.
Ebenso wenig lässt sich die toxische Wirkung von NSAR auf die
Magenschleimhaut durch rektale oder parenterale Applikation vermeiden. Auch zur
Lösung von Problemen mit der Compliance ist der Wechsel des
Applikationsweges eher schlecht geeignet, wenn dabei die Wurzel des Problems
nicht angesprochen wird [1].
In der Intensivmedizin und in der postoperativen Phase ist die parenterale
Analgesie die Regel, in der Notfallmedizin wird (oft mehr aus psychischen als
pharmakologischen Gründen) ebenfalls gerne auf parenterale Analgesieformen
zurückgegriffen.
Oral
Nicht nur sind Stoffe aus allen Analgetikaklassen oral verwendbar,
zusätzlich erlauben verschiedenste galenische Formen und Konsistenzen die
Zeit bis zum Wirkungseintritt und die Wirkdauer zu wählen.
Wenn die orale Applikation eines Analgetikums in flüssiger Form
wünschbar wäre, jedoch keine Trinklösung im Handel ist, kann in
vielen Fällen die parenterale Form als Trinkampullen verwendet werden.
Bioverfügbarkeit und Geschmack können dabei ein Problem sein, die
telefonische Anfrage beim Apotheker oder dem Hersteller lohnt sich. Diese
Möglichkeit ist dem gleichzeitigen Wechsel von Applikationsweg und
Analgetikum (v. a. Umstellung auf Fentanyl TTS oder Buprenorphin TTS)
vorzuziehen. Flüssige Präparate und Ampullen können auch durch
PEG-Sonden (perkutane endoskopische Gastrostomie) gegeben werden.
Die orale Bioverfügbarkeit ist bestimmt durch die Wirkung der
Verdauungsenzyme auf das Analgetikum und sein Schicksal im First pass durch die
Leber. So wird das Prodrug Codein/Dihydrocodein in der Leber erst aktiviert,
während Morphin in der Leber zu 30-50% inaktiviert wird. Fentanyl hat keine
enterale Bioverfügbarkeit.
Sublingual/Buccal
Der sublinguale Weg kann auch bei schweren Schluckstörungen verwendet
werden, vorausgesetzt die Mundschleimhaut ist feucht genug. Die Leberpassage
wird umgangen, sodass der sublinguale Weg vor allem für Medikamente genutzt
wird, deren orale Bioverfügbarkeit wegen der Leberpassage schlecht ist.
Verfügbar ist aktuell nur Buprenorphin, obwohl viele weitere Substanzen
durch die Mundschleimhaut aufgenommen werden [4]. Da die Buprenorphindosis nach
oben begrenzt ist, besteht das Risiko, bei progredienten Schmerzen einen Wechsel
des Opioides und des Applikationsweges gleichzeitig vornehmen zu müssen!
Es ist besser, die Sublingualtabletten im oberen Sulcus gingivalis als unter der
Zunge zu deponieren. Sie sind dort weniger spürbar und gehen nicht
verloren. Die Einführung von Fentanyl-Lutschern als Reserve zum Fentanyl
TTS steht wahrscheinlich kurz bevor [5].
Rektal
Verfügbar sind viele NSAR, Paracetamol, Metamizol und Opioide (teils
retardiert). Es ist wichtig zu bedenken, dass die Einführung von
Suppositorien nicht immer und überall möglich ist und eine oft
umständliche Vorbereitung und schmerzhafte Bewegungen und Positionswechsel
verlangt [6]. Die Anzahl von Suppositorien, die einem Patienten zugemutet werden
kann, ist eng begrenzt. Die Bioverfügbarkeit hängt von den lokalen
Bedingungen im Rektum ab. Der venöse Abfluss erfolgt teils über die
obere Rektalvene in die Pfortader und durch die Leber (First-pass-Effekt), teils
über die unteren Rektalvenen in die Hohlvene [7]. Der Anteil des
Medikamentes, der dem First-pass-Effekt unterworfen ist, ist individuell
verschieden und kann kleinere Dosisanpassungen erforderlich machen.
Transdermal
Verfügbar sind Gels und Pflaster mit Lokalanästhetika oder NSAR
für eine lokale Wirkung, sowie Fentanyl TTS und Buprenorphin TTS für
die systemische Opioidgabe. Die Umstellung auf den transdermalen Weg bedingt
immer auch einen Opioidwechsel!
Beide transdermalen Opioidpflaster haben eine träge Kinetik, sodass die
Wirkung erst 12-24 Stunden nach Aufkleben des ersten Pflasters eintritt und nach
Entfernung aller Pflaster ebenso lange noch weiter andauert. Wegen der
konstanten Serumspiegel kann die Verwendung solcher Pflaster bei unstabilen
Schmerzen und solchen mit einer Tagesrythmik nicht empfohlen werden.
Pflasterwechsel müssen, nach Angaben der Hersteller, alle 72 Stunden
stattfinden. Beim Fentanyl TTS hat sich gezeigt, dass etwa ein Drittel der
Patienten das Medikament schneller resorbiert und alle 48 Stunden ein neues
Pflaster braucht, um Wirkungseinbrüche zu vermeiden. Mit Buprenorphin TTS
gibt es noch wenig diesbezügliche Erfahrung. Patienten sollten ein
Schmerztagebuch führen, um auf Schmerzzunahmen am dritten Tag reagieren zu
können. Dosisanpassungen beider Produkte sind jeweils bei Pflasterwechsel
vorzunehmen, frühestens aber nach 24 Stunden [8].
Der trägen Kinetik der transdermalen Systeme muss bei der Umstellung auf
andere Analgesieformen Rechnung getragen werden. Beim Wechsel von anderen
Opioiden auf Buprenorphin TTS kann die Anflutungsphase problematisch sein.
Aufgrund der Effekte der einzelnen Wirkstoffe an verschiedenen Opioidrezeptoren
kann es zu einer überlappung eines Agonisten mit dem Teilantagonisten
Buprenorphin und zur Aufhebung der analgetischen Wirkung kommen.
Wie bedeutend dies für die Praxis tatsächlich ist, muss die Zukunft
zeigen. Erste Ergebnisse einer entsprechenden Studie sind Ende 2003 zu erwarten.
Subkutan
Subkutan verwendbar sind in der Schweiz Metamizol, Morphin, Hydromorphon,
Methadon und Fentanyl, da die vor allem für die intravenöse Gabe
hergestellten Ampullen keine Reizstoffe enthalten. Der subkutane Weg wird sowohl
in der Notfallmedizin wie in der Palliativmedizin sehr häufig verwendet. Er
wird als wichtigste Alternative zur oralen Analgetikagabe empfohlen [4, 9]. Die
subkutane Analgesie ist das flexibelste Instrument in allen Situationen, in
denen man auf die orale Analgesie verzichten muss. Sie ist von Patienten und
Angehörigen gut erlernbar und daher auch für den ambulanten Bereich
gut geeignet.
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Praktische Hinweise zur subkutanen Analgesie
Am meisten Erfahrung gibt es mit subkutanem Morphin und Hydromorphon. Bei ihrer
Umstellung von der oralen Therapie muss die Dosis umgerechnet werden, da der
Leberkreislauf umgangen wird. Von den Nichtopioidanalgetika eignet sich nur
Metamizol für die subkutane Gabe.
Aus korrekt durchbluteten, herznahen und nicht ödematösen Hautarealen
ist die Resorption zuverlässig und rasch. Geeignete Injektionsstellen sind
infraklavikulär, abdominal und supraskapulär. Eine
infraklavikulär gesteckte Butterfly-Nadel kann durchschnittlich eine Woche
liegengelassen und für Analgetika und viele weitere Medikamente
intermittierend oder kontinuierlich verwendet werden. Eine lokale Irritation ist
abhängig von der Konzentration, von Lösungsmitteln und von der
Hautbeschaffenheit.
Wirkungseintritt, Blutspiegelspitze und Wirkdauer sind mit jenen bei oraler Gabe
vergleichbar. Entsprechend kann mit vierstündlichen Injektionen von Morphin
ein stabiler Serumspiegel erreicht werden, und subkutane Reservedosen lindern
Durchbruchschmerzen innert 20 Minuten.
Für die kontinuierliche Medikamentengabe stehen verschiedenste tragbare
Pumpen zur Verfügung (mechanisch, elektrisch, elektronisch), die gemietet
werden können. Reservedosen sind in einigen dieser Pumpen programmierbar,
andernfalls können sie mit Spritzen in den Schlauch des Butterfly gegeben
werden. Bei der Wahl der Pumpe sollten organisatorische Kriterien grösste
Beachtung finden. Morphin und Hydromorphon sind mit vielen anderen Medikamenten
in Pumpen mischbar [6]. Sie können auch in einer Subkutaninfusion
mitlaufen, wenn eine parenterale Hydrierung nötig ist, allerdings ist die
Resorption dann etwas weniger zuverlässig. Metamizol ist mit Morphin
mischbar, darf aber nicht weiter verdünnt werden.
Die meisten Patienten oder Angehörigen können mindestens lernen, durch
die Spitex vorbereitete Spritzen mit Reservedosen an einen Dreiweghahn
anzuschliessen und zu injizieren. Oft übernehmen sie auch mehr
Verantwortung, wenn sie mit Schläuchen, Spritzen und Pumpen vertraut
geworden sind.
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Intravenös
Viele NSAR, Metamizol, Paracetamol (als lösliches Prodrug) und alle Opioide
können intravenös verabreicht werden. Dieser personell anspruchsvolle
Weg eignet sich für Notfallsituationen, die postoperative Phase und die
Intensivmedizin. Im übrigen ist er in der stationären Behandlung nur
dann gerechtfertigt, wenn aus anderen Gründen eine venöse Leitung
ohnehin steckt. Im ambulanten Bereich kann man auf die intravenöse
Analgesie gut verzichten. Der Wirkungseintritt für die meisten Analgetika
ist sehr rasch. Bei den Opioiden besteht dabei die Gefahr eines Boluseffektes,
indem die Serumspiegelspitze unnötig hoch ausfällt und zu akuten
Toxizitätszeichen führt. Die Wirkdauer ist kürzer als nach oraler
oder subkutaner Gabe. Darum sollte bei intravenöser Opioidtherapie die
Basismedikation als kontinuierliche Infusion erfolgen. Intravenöses
Paracetamol hingegen darf nicht kontinuierlich appliziert werden, da der
Wirkstoff nur während Serumspiegelspitzen die Bluthirnschranke durchtritt
und zur Wirkung kommt.
Intramuskulär
Viele NSAR und Opioide können intramuskulär verabreicht werden.
Dieser Weg wird in der Notfallmedizin relativ gern genutzt, möglicherweise
wegen eines Plazeboeffektes durch die schmerzhafte Injektion. Er kann für
die Analgesie in keiner anderen Situation gerechtfertigt werden. Die Resorption
ist unregelmässig und ungewiss, was besonders bei Opioiden höchst
problematisch ist!
Peridural/Intrathekal
Die rückenmarksnahe Analgesie ist mit einigen Opioiden möglich, denen
Lokalanästhetika und/oder a-Sympathomimetika beigefügt werden
können. Die segmentale Applikation ergibt eine mehr oder weniger segmentale
Analgesie. Be- sonders geeignet ist diese Technik bei starken Krebsschmerzen der
unteren Körperhälfte. Eine systemische Resorption findet statt, sodass
auch die üblichen Nebenwirkungen auftreten können, allerdings ist die
äquianalgetische Dosis 10-100mal geringer als intravenös/subkutan. Der
rostrale Fluss des Liquors kann bei sehr hoch eingelegtem Spinalkatheter zu
bedenklichen Opioidkonzentrationen am Atemzentrum führen. Bei der
intrathekalen Analgesie ist die Infektgefahr zu beachten [10]. Verschiedene
Techniken für die Katheterimplantation sind möglich, und es kann mit
intermittierenden Injektionen oder mit Pumpen gearbeitet werden. All dies
bedingt eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Anästhesisten, dem Hausarzt
und den Pflegenden. Dislozierung solcher Katheter oder lokale Fibrosierung kann
einen erneuten Wechsel des Applikationsweges nötig machen.
Intraventrikulär
Morphin kann über einen Ommaya-Katheter direkt in den vierten Ventrikel
eingeführt werden. Indikationen sind zervikofaziale Schmerzen und
unkontrollierbare Schmerzen nach rückenmarksnahen Verfahren [10]. Diese
seltene Technik erfordert ebenfalls die enge Zusammenarbeit mit dem
Spezialisten.
Schritte des Routenwechsels
1. Schritt: Indikation stellen
Für Wechsel des Applikationsweges sollten gute Gründe vorliegen.
Umgekehrt darf mit dem Wechsel nicht zugewartet werden, wenn die bisherige
Analgesie eines Patienten keine genügende Schmerzkontrolle mehr
gewährleisten kann. Ziel ist, dass der Patient selbst seine Schmerzen als
erträglich beurteilt und möglichst selbständig bleibt.
2. Schritt: Individuelle Alternativen evaluieren
In jedem Einzelfall sind Kontraindikationen zu beachten sowie die Eignung und
die Verfügbarkeit des zu verordnenden Analgetikums (siehe Tabelle 1). Wenn mehrere Wege möglich sind, ist
der nachfolgende, 3. Schritt entscheidend.
3. Schritt: Machbarkeit
Die Situation des Patienten und ihre Auswirkungen auf die Analgetikagabe
müssen absolut ganzheitlich beachtet werden, zum Beispiel: Sieht der
Patient oder der pflegende Angehörige gut genug, um Tropfen zu zählen
oder Spritzen aufzuziehen? Ist seine Feinmotorik so intakt, dass Schmerzpflaster
ausgepackt und von der Schutzfolie gelöst werden können? Reichen die
hygienischen Verhältnisse zuhause aus, um dem Patienten oder
Angehörigen die Verantwortung für eine intrathekale Analgesie zu
übertragen?
4. Schritt: Organisieren und instruieren
Es geht um praktische Fragen, die mit Patienten, Pflegenden (Angehörige,
Spitex), Apothekern, Vermietern von Pumpen und der Krankenkasse abgesprochen
sein müssen: Wer wird die Behandlung auf die Dauer durchführen? Wer
übernimmt welche Arbeit? Sind die betreffenden Personen mit der Behandlung
vertraut? Wann und wo können sie instruiert werden? Reicht ihre zeitliche
Verfügbarkeit aus? Womit wird gearbeitet? Ist alles nötige
Zubehör in genügender Menge vorhanden? Wie wird Nachschub beschafft
(Spritzen, Nadeln, Schläuche, Reservoirs, Filter etc.)? Was ist in einer
Notsituation zu tun, ist z.B. das Zentrum, in welchem ein Katheter implantiert
wurde, 24 Stunden telefonisch erreichbar?
5. Schritt: Dosis berechnen
Nicht nur die äquianalgetische Tagesdosis, die Grösse der einzelnen
regelmässigen Dosen und der Reservedosen müssen berechnet werden (Tabelle 2). Die übergangsphase ist so zu
organisieren, dass die Serumspiegel möglichst konstant bleiben oder nur
leicht und dann möglichst am Tag absinken. Im letzteren Fall muss der
Patient diesen Einbruch mit Reservedosen in geeigneter Form
überbrücken können. Die Wirkdauer retardierter Analgetika muss
genau berücksichtigt werden.
Es gilt auch zu bedenken, wie lange eine Packung eines Medikamentes reicht und
wie oft neue Verordnungen geschrieben werden sollen. Das
Betäubungsmittelgesetz erlaubt, den Bedarf an Opioiden (in
Ausnahmefällen) für drei Monate zu verordnen [10]. Manche Apotheken
habe nicht alle Opioide auf Lager und müssen frühzeitig informiert
werden, um das Medikament bestellen zu können.
6. Schritt: überwachen
In der ersten Zeit nach dem Wechsel können Dosisanpassungen nötig
werden, weil die Umrechnungsfaktoren auf Durchschnittswerten basieren und der
einzelne Patient individuell reagiert. Einen grossen Teil der
Therapieüberwachung werden Pflegende und Angehörige übernehmen.
Wenn sie gut instruiert sind, können telefonische Kontakte zwischen den
Hausbesuchen dem Arzt genügend Aufschluss geben. Die Kontakte sind auch
nötig, damit die Beteiligten in der Anwendung des neuen Applikationsweges
sicher werden. Zu beachten sind der Therapieerfolg (Schmerzkontrolle),
Nebenwirkungen (Sodbrennen, Blutungstendenz bei NSAR, Obstipation, Nausea,
leichte Verwirrtheit, Atemfrequenz bei Opioiden) und deren Verhütung
(zuverlässige Analgetikagabe, genügende Hydrierung, regelmässige
Stuhlentleerungen bei Opioidtherapie). Schliesslich müssen die
verbleibenden Vorräte (Medikamente, Material) im Auge behalten und
rechtzeitig Nachschub besorgt werden.
Tabelle 1:
Potenzielle Anwendung der verschiedenen Applikationswege [1,4]
|
| Klinische Situation |
oral |
sublingual, buccal |
rektal |
transdermal |
subkutan |
intravenös |
intramuskulär |
rückenmarksnah |
| Erbrechen |
- |
+ |
++ |
+ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Darmverschluss |
- |
+ |
- |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Dysphagie |
- |
+ |
++ |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Durchfall |
++ |
+ |
- |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Kolostomie |
++ |
+ |
- |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Hämorrhoiden, Analfissur |
+ |
+ |
- |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Kognitive Störungen |
+/- |
+/- |
+/- |
+/- |
+/- |
+/- |
- |
+/- |
| Koma |
- |
+ |
++ |
++ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Gerinnungsstörung |
++ |
+ |
- |
+ |
- |
+ |
- |
- |
| Immunabwehrschwäche |
++ |
+ |
+/- |
++ |
- |
+ |
- |
- |
| Agranulozytose |
++ |
+ |
- |
++ |
+ |
+ |
- |
- |
| Generalisierte Ödeme |
++ |
+ |
+ |
- |
- |
+ |
- |
+/- |
| Schwere Dyspnoe |
+/- |
+/- |
- |
++ |
++ |
+ |
- |
+/- |
| Dermatosen |
++ |
+ |
+ |
+ |
+ |
+ |
- |
+ |
| Segmentale Schmerzen |
+ |
+ |
+/- |
+ |
+ |
+ |
- |
++ |
| Unstabile Schmerzen |
++ |
+/- |
+/- |
- |
++ |
+ |
- |
+ |
| Schmerz bei Mobilisierung |
++ |
+ |
- |
+ |
++ |
+ |
- |
+ |
| Häufige Dosisanpassung |
++ |
- |
+ |
- |
++ |
+ |
- |
+ |
| Initiale Titration |
++ |
+ |
- |
- |
++ |
+ |
- |
- |
| Reservedosen |
++ |
- |
- |
- |
++ |
+ |
- |
+ |
| Notfallintervention |
++ |
+/- |
+/- |
- |
++ |
+ |
+/- |
+/- |
|
++ gut geeignet; + möglich; - nicht geeignet; +/- Start teilweise
möglich, Weiterführen oft möglich
|
Tabelle 2:
Umrechnungsfaktoren für Wechsel des Applikationsweges
|
| Substanz |
|
oral |
sublingual, buccal |
rektal |
transdermal |
subkutan, intravenös |
intramuskulär |
epidural* |
intrathekal* |
| Codein |
Faktor |
1 |
- |
1 |
- |
- |
- |
- |
- |
| Tramadol |
Faktor |
1 |
- |
- |
- |
0.66 |
- |
- |
- |
| Morphin |
Faktor |
1 |
- |
1 |
- |
0.33 |
(0.33) |
0.03 |
0.003 |
| Hydromorphon |
Faktor |
1 |
- |
- |
- |
0.33 |
- |
- |
- |
| Methadon |
Faktor |
1 |
- |
1 |
- |
0.5 |
- |
- |
- |
| Buprenorphin |
Faktor |
- |
1 |
- |
1 |
0.66 |
- |
* |
* |
| Fentanyl |
Faktor |
- |
- |
- |
1 |
1 |
- |
* |
* |
Zum Beispiel: Tramadol 150mg oral (=Faktor 1) entsprechen 100mg
subkutan/intravenös (=Faktor 0.66).
*Für die epidurale und intrathekale Route sind grobe Richtwerte angegeben;
die Dosis muss vom Spezialisten eintitriert und in Absprache mit ihm angepasst
werden.
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Medikamentenliste Opioide
ORAL
Codein: Codein Knoll®, Co-Dafalgan®; Dihydrocodein: Codicontin®; Hydromorphon: Opidol®, Opidol® retard; Morphin: Kapanol®, MST Continus®, Sevredol®, Sevre-Long®; Methadon*: Ketalgin®, Methadon Streuli; Oxycodone: Oxycontin®; Tilidin: Valoron®; Tramadol: Ecodolor®, Tramadol Helvepharm®, Tramadol-Mepha®, Tramal®, Tramal® retard, Tramundin®, Tramundin® retard
SUBLINGUAL
Buprenorphin: Subutex®, Temgesic®
TRANSDERMAL
Buprenorphin: Transtec®; Fentanyl: Durogesic® TTS
REKTAL
Methadon*: Ketalgin®, Methadon Streuli; Morphin: MST Continus®, Sevredol®; Tramadol: Tramadol-Mepha®, Tramadol Helvepharm®, Tramal®
SUBKUTAN/I.V.
Buprenorphin: Temgesic®; Fentanyl: Fentanyl-Janssen®, Fentanyl-B. Braun i.v., Fentanyl-Curamed® i.v., Sintenyl® i.v.; Hydromorphon: Ampullen auf Bestellung bei Streuli erhältlich; Morphin: Morphin-HCL Bichsel, Morphin-HCL Sintetica; Methadon*: Ketalgin®, Methadon Streuli; Tilidin: Valoron®; Tramadol: Tramadol-Mepha®, Tramal®
*In der Schweiz ist das Razemat aus L- und R-Methadon auf dem Markt.
Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
|
Literatur:
1. de Stoutz ND: Wechsel des Applikationswegs, In: Kloke O, Kloke M (Hrsg):
Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen in der Inneren Medizin. Thieme:
71-74, 1998
2. Foley K, N Engl J Med 313: 84, 1984
3. Bruera E: Subcutaneous administration of opioids in the management of
cancer pain. In: Foley K, Ventafridda V (eds): Advances in pain research and
therapy, vol. 16. Raven Press: 203, 1990
4. Bruera E, Ripamonti C: Alternate routes of administration of opioids. In:
Patt RB (ed): Cancer Pain. Lippincott, Philadelphia: 161-184, 1993
5. Portenoy R et al., Pain 79: 303-312, 1999
6. Neuenschwander H et al., Palliativmedizin auf einen Blick. Schweiz.
Krebsliga, 2000
7. De Boer AG et al., Br J Anaesth 56: 69-82, 1984
8. Korte W et al., J Pain Sympt Manage 11(3): 139-146, 1996
9. Expert Working Group of the EAPC: Morphine in cancer pain. BMJ 312:
823-826, 1996
10.Kloke M, de Stoutz ND: Symptomorientierte onkologische Therapie. Ein
Leitfaden zur pharmakologischen Behandlung. 2. Auflg. Springer, 1999
Marianne Kloke
Die Leitlinien zur Tumorschmerztherapie der WHO haben das Primat der oralen
Therapie mit Morphin 1996 erneut festgeschrieben, ohne dass jedoch echte
Vergleichsstudien mit anderen Substanzen vorlagen [1]. Seit Kenntnis seiner
aktiven Metaboliten mit der Möglichkeit ihrer Anreicherung im Liquor bei
(terminaler) Niereninsuffizienz (M-6-Glucuronid) darf die Ausschliesslichkeit
dieser Empfehlung zumindest für Länder mit einer breiten Palette
verfügbarer stark wirkender Opioide hinterfragt werden [2].
Auch wenn die Vielzahl der zur Verfügung stehenden Opioide keineswegs zu
einem "Opioidhopping" verführen darf, sollte sich jeder Arzt mit
drei bis vier Opioiden vertraut machen. Die bis dato publizierten Untersuchungen
zum sog. "Opioidrotating" belegen die Effektivität eines
Opioidwechsels bei insuffizienter Analgesie trotz erheblicher und rascher
Dosissteigerung und/oder intolerablen und therapierefraktären
opioidkorrelierten Symptomen [3,4, 5]. Der Erfolg eines Wechsels ist bei ca.
1/3 der Fälle zu erwarten.
|
Mögliche Rationale für einen Opioidwechsel
| - |
partielle Kreuztoleranz der Opioide bzgl. Analgesie und
Nebenwirkungen |
| - |
individuelle Pharmakokinetik/-dynamik
Morphin: Retention aktiver Metabolite bei
Niereninsuffizienz
Tilidin: metabolische Aktivierung der Prodrug erforderlich
Methadon: zahlreiche Wechselwirkungen,
individuelle Metabolisierung
|
| - |
individuelle (genetisch fixierte) Opioidresponsibilität
Oxycodon: aktivierendes Enzym fehlt bei
10% der Bevölkerung
unterschiedliche Verteilung der Opioid-
rezeptoren (-komplexe)
|
| - |
substanzbezogene Wirkunterschiede*
Methadon: zusätzliche Wirkungen
am NMDA Rezeptor
Tramadol: zusätzliche noradrenerge Wirkung
Oxycodon: zusätzl. Wirkung am kappa-Rezeptor
(*wird kontrovers diskutiert)
|
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Vorgehen bei Opioidwechsel
| 1. |
Berechnen der äquianalgetischen Tagesdosen bezogen auf die Applikationsart
|
| 2. |
Beginn mit 30- 50% der rechnerisch ermittelten äquivalenzdosis (Ausnahme
Methadon: individuelle Titration)
|
| 3. |
Aufteilung der Tages- in Einzeldosen entsprechend der Wirkdauer der Substanz
|
| 4. |
Titration gegen den Schmerz
|
| 5. |
Festlegen der neuen Basis- ggf. auch Bedarfsmedikation
|
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Umrechnungsfaktoren bei Opioidwechsel
Entscheidungsdiagramm: Indikationen zum
Opioidwechsel
Literatur:
1. WHO Cancer pain relief, with a guide to opioid availibility. WHO Publishing
Geneve, 1996
2. Faura C et al., J Pain Symptom Manage 112:95-102, 1996
3. Bruera E et al., J Pain Sympt Manage 10.4:287-291, 1995
4. De Stoutz N et al., J Pain Sympt Manage 10.5:378-383, 1995
5. Bruera E et al., Cancer 78.4:852-857, 1996
6. Kloke M et al.,Supp Care Cancer 8(6):479-489, 2000
Autorinnen dieser Ausgabe
- Dr. med. Noémi de Stoutz, Ayent
- Dr. med. Marianne Kloke, Westdeutsches Tumorzentrum,
Universitätsklinikum Essen
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